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Warum Wirksamkeit nicht automatisch Entscheidungsmacht erzeugt

Rückblick auf die DenkZeit Freitag vom 16. Januar 2026

Die Vorlage stammt von ihr. Die Zahlen hat sie geprüft, die kritischen Rückfragen vorab eingesammelt, und die beiden Abteilungen, die sich sonst gegenseitig blockieren, hat sie vor der Sitzung getrennt angerufen. In der Sitzung ergänzt sie zweimal einen Punkt. Entschieden wird am anderen Ende des Tisches.

Wer diese Szene kennt, kennt meist auch die Erklärung, die dafür angeboten wird: zu wenig Sichtbarkeit, zu wenig Selbstvermarktung, zu wenig Durchsetzungsstärke. Diese Erklärung sucht den Grund in der Person. Unsere erste DenkZeit Freitag hat ihn woanders gesucht.

Frauen haben selten zu wenig Einfluss. Sie haben zu wenig legitimierte Entscheidungsmacht.

Zwei Logiken von Macht, die Organisationen unterschiedlich behandeln

Expertinnenmacht beruht auf Wissen, Erfahrung und der Fähigkeit, Probleme zu lösen. Sie wirkt vorbereitend, moderierend, absichernd. Sie ist funktional unverzichtbar – und sie bleibt meist informell und unsichtbar.

Statusmacht beruht auf Position, Titel und formaler Legitimation. Sie entscheidet sichtbar, sie ist symbolisch anerkannt, und sie wird geschützt, statt erklärt zu werden.

Organisationen nutzen beide Formen. Legitimiert wird vor allem eine davon.

Das ist kein Nebeneffekt. Ohne die informelle Arbeit, die Expertinnenmacht leistet, wäre kaum eine Organisation arbeitsfähig: Sie ist der Kitt zwischen Gremien, Verfahren und Interessen. Genau dieser Kitt taucht in keinem Organigramm auf.

Das Paradox

Einfluss ist willkommen, solange er leise bleibt und daraus kein Anspruch abgeleitet wird.

Sobald derselbe Einfluss sichtbar wird oder Anspruch auf Entscheidungsmacht erhebt, entsteht Irritation. Wer benennt, was sie faktisch trägt, und daraus eine Konsequenz ableitet, wird schnell anders gelesen: strategisch statt sachlich, ehrgeizig statt engagiert, mitunter manipulativ.

Der entscheidende Punkt daran: Das Verhalten bleibt dasselbe. Was sich ändert, ist der Beobachtungsmodus – die Kategorie, in die das Verhalten einsortiert wird.

Diese Irritation ist deshalb kein individuelles Kommunikationsproblem. Sie ist ein Hinweis darauf, wie eine Organisation Macht definiert und wem sie zusteht.

Die doppelte Anforderung

Aus diesem Beobachtungsmodus entstehen Anforderungen, die sich gegenseitig ausschließen:

  • wirksam sein, ohne dominant zu wirken
  • strategisch handeln, ohne ehrgeizig zu erscheinen
  • sichtbar sein, ohne selbstbezogen gelesen zu werden
  • klar führen, ohne unsympathisch zu wirken

Wer diese Liste zum ersten Mal liest, erkennt sie meist sofort. Zugleich lässt sie sich individuell nicht auflösen: Jede der vier Anforderungen ist für sich erfüllbar, gemeinsam sind sie es nicht. Das macht sie zu einer strukturellen Eigenschaft der Organisation, nicht zu einer Frage der persönlichen Kalibrierung. Diese Doppelbindungen entstehen dort, wo formale Gleichstellungsprogramme und reale Machtarchitekturen auseinanderfallen.

Warum Expertise allein nicht reicht

Organisationen funktionieren nicht meritokratisch. Entscheidungen folgen Anschlussfähigkeit, Vertrautheit und impliziten Regeln, nicht allein Kompetenz. Das lässt sich in zwei Sätzen zusammenfassen:

Expertise wird gebraucht, um Systeme arbeitsfähig zu halten. Macht wird vergeben, um Systeme stabil zu halten.

Wer das einmal so nebeneinanderstellt, versteht, warum mehr Leistung die Lage selten verändert. Mehr Leistung erhöht die Arbeitsfähigkeit des Systems. Über seine Stabilität entscheidet sie nicht.

Die Verschiebung der Frage

In Trainings für Frauen in Führung lauten die üblichen Fragen: Wie werde ich wirksamer? Wie nutze ich Macht besser? Beide Fragen setzen bei der Person an – und lassen die Struktur unberührt.

Wir arbeiten mit drei anderen:

  1. Welche Form von Einfluss übe ich bereits aus?
  2. Wo wird dieser Einfluss genutzt, ohne legitimiert zu werden?
  3. Was passiert im System, wenn dieser Einfluss sichtbar wird?

Die dritte Frage ist die unbequemste, weil sie eine Prognose verlangt. Sie ist zugleich die strategisch nützlichste: Wer die Reaktion des Systems vorher durchdenkt, kann den Zeitpunkt wählen, statt ihn zu erleiden.

Die Frage für Deinen eigenen Kontext

Wo wird Deine Expertise gebraucht, ohne dass daraus formale Entscheidungsmacht entsteht?

Und, für die Woche danach: Was verändert sich, wenn Du diesen Einfluss bewusst markierst – in einem Protokoll, in einer Zuständigkeit, in einer Formulierung?

Der Perspektivwechsel, um den es hier geht, ist einer weg von der Betroffenen, hin zur Beobachterin und Strategin. Bekannte Erfahrungen werden dabei nicht kleingeredet, sondern anders einsortiert: als Hinweis auf eine Machtarchitektur, die längst gebaut war, bevor jemand den Raum betreten hat.


Weitergedacht: Wenn Einfluss vorhanden ist, ohne legitimiert zu werden, stellt sich eine nächste Frage. Nicht nur, wer entscheidet – sondern nach welchen impliziten Regeln Entscheidungen tatsächlich getroffen werden. Darum ging es in der zweiten DenkZeit Freitag: Stabile Systeme, leise Verschiebungen.

Die DenkZeit Freitag ist unser offener Denkraum: 15 Minuten Input, gemeinsame Irritation, offene Diskussion. Kein Seminar. Ein Denkraum.